Mittwoch, 31. Mai 2017

Heather die zweite

Ich nähe ja die meisten Schnitte nur einmal- nicht, weil ich unzufrieden mit den Schnitten wäre, nein, die  meisten Schnitte , die ich nähe, gefallen mir sehr gut (schliesslich habe ich sie ja auch aus einer Vielzahl von möglichen zu nähenden Schnitten ausgewählt...)
Aber es gibt so viele spannende Schnitte, die mich interessieren, so daß mir oft einfach keine Zeit für eine Zweitauflage bleibt.
Wenn ich einen Schnitt wiederholt nähe, handelt es  sich a) um einen besonders tollen Schnitt  b) um einen Schnitt, bei dem ich mir eine Optimierung der Paßform überlegt hatte oder  c) um einen Schnitt, nach dem ein neu gekaufter Stoff undbedingt ruft.
Wenn alle drei Dinge zusammen treffen, handelt es sich um den Schitt Heather von Sewoverit und einen  Sommersweat von Albstoffe.

Heather hatte ich schon mal genäht, gefällt mir immer noch sehr gut und wurde in diesem Frühjahr gerne und viel getragen. Eine Version mit Streifen konnte ich mir gut vorstellen, dann aber mit einfarbigen Außenteilen. Die idealen Stoffe dafür entdeckte ich im Stoffbüro: ein gestreifter Sommersweat,  mittelblau mit zarten grauen Streifen, und ein dazu passender Uni-Stoff- perfekt für mein Projekt.

An meiner ersten Heather fand ich ja die Paßform nicht so optimal, ich fand das Kleid im Oberkörperbereich etwas zu weit. Aber anstatt die Teilungsnähte etwas nach innen zu nähen, wollte ich jetzt mal ganz schlau sein: ich nahm mir vor, eine Größe kleiner zu nähen, dafür aber ein Full-Bust-Adjustment durchzuführen und hoffte auf eine ideale Paßform.

Dieser Gedanke war vermutlich ganz richtig, das glaube ich immer noch. Die meisten Fertigschnitte sind ja für ein B-Körbchen gemacht, das heißt für uns C-Körbchen-und-größer-Trägerinnen, daß wir immer eine zu große Größe bei den Fertigschnitten wählen, wenn wir nach der Brustweite gehen.
Mein weiteres Vorgehen allerdings war ziemlich stümperhaft. Ich also die nächstkleinere Größe des Schnittes abgepaust, das war dann die Größe 8 , ist übrigens auch schon die kleinste Größe bei Sewoverit. Dann die FBA versucht, nach einer Anleitung für Prinzeßnähte, wo man ja die FBA vor allem am äußeren Seitenteil vornimmt- ging natürlich nicht, denn Heather hat eben keine richtigen Prinzessnähte, sondern Teilungsnähte, die dem Design und der Taschenformung dienen, soviel habe ich jetzt gelernt.
Der korrekte Weg wäre gewesen, die Teilungsnähte am Schnitt wieder zusammen zu fügen, die FBA vorzunehmen und dann erneut zu teilen.

Für diesen korrekten Weg war ich einfach zu faul. Nachdem ich eine Weile an den Schnittteilen erfolglos herumgestrichelt und geschnippelt hatte, entschied ich mich für den Weg "quick and dirty".
In diesem Fall hieß das, das Mittelteil zu verlängern, um die erforderliche Länge für die größere Brust zu bekommen. Die Seitenteile habe ich einfach aufgespreizt. Und die notwendige Weite wollte ich mir aus der Erweiterug der Seitennaht holen bzw aus einer Verringerung der Nahtzugaben- also wirklich alles quick and dirty, nicht zu empfehlen.

Die Armausschnitte wollte ich in der ursprünglichen Größe 10 lassen, habe sie sogar noch etwas nach unten vergrößert und die Ärmelweite entsprechend erhöht, da mir in der ersten Version die Ärmel etwas zu eng gewesen waren. Das alles hatte ich natürlich nicht auf die Schnitteile augezeichenet, sondern mir lässig beim Zuschneiden überlegt...

Spätestens jetzt merkt die geneigte Leserin, an welcher Phase meiner Nähkünste ich angelangt bin: eindeutig in der Phase, in der ich zwar manche Zusammenhänge der Schnittkonstruktion begriffen habe, aber meine Kenntnisse durchaus nicht Schritt halten können mit dem Zuwachs an Selbstvertrauen oder eher Selbstüberschätzung. Auch ein Schnitt aus dehnbaren Materialien folgt gewissen Grundsätzen, die man nicht einfach lässig vereinfachen darf.
Unter diesen Umstaänden war es eigentlich überraschend, daß Heather II doch noch so gut gelungen ist.  Aber das Kleid ist eindeutig zu eng im Brustbereich. Zum Glück ist der Sweat halbwegs dehnbar, so daß die fehlende Oberweite aus der Dehnbarkeit geholt wird.

Die Schultern sitzen nicht richtig. Das Problem hatte ich schon bei der ersten Version, habe ich jetzt aber durch die kleinere Größe eher verstärkt. Und der Ärmel ist eher zu groß. Zu meiner Ehrenrettung kann ich hier nur vorbringen, daß die andere Schulter besser sitzt: dies ist die rechte Schulter, die bei mir mehr abfallend ist als die andere. Langsam müßte ich wirklich mal anfangen, das bei meiner Schnittanpassung zu berücksichtigen, aber es fällt mir immer zu spät ein...

Als das Kleid fertig war, war ich zunächst maßlos enttäuscht. Die Anpassung war mir nicht gelungen, und ich fand das ganze Kleid auch nicht so schick, wie ich es mir vorgestellt hatte. Nach den ersten Trageerfahrungen musste ich zum Glück meine Meinung revidieren: dieses Kleid ist genau das, was die Lücke zwischen den alltagstauglichen praktischen Dingen und den "schickeren" Klamotten wunderbar erfüllt.

Die Paßformmängel stören mich im Alltag überhaupt nicht- ja, war eigentlich zu erwarten, man ist da einfach zu pingelig mit sich selbst. Das Kleid ist bequem wie in Sweatshirt, und so durfte es auch mit nach Mecklenburg reisen, wo die Bilder an einem einsamen Strand entstanden sind. Ja, so was gibt es wirklich in Deutschland- die deutsche Ostseeküste ist absolut eine Reise wert!


Zum Fahrradfahren und Strandwandern war das Kleid wunderbar geeignet, und auch bei Schlossbesichtigungen, von denen es in Mecklenburg ja so viele gibt, fühlte ich mich mit Heather immer gut angezogen.

Und so kann ich mir gut noch eine Heather III vorstellen, vielleicht gelingt mir die Anpassung ja doch noch etwas besser. Auch bei diesem Kleid habe ich jedenfalls wieder viel gelernt. Nähen ist so toll!
Was tragen denn die anderen Selbernäherinnen heute so? Das sieht man auf dem Blog des Memademittwoch,  heute von Sybille in einem traumhaften Lempidress angeführt.
verlinkt MMM, ichnähbio

Mittwoch, 17. Mai 2017

Tuuli-Dress von NamedClothing


Das Kleid Tuuli der finnischen Schnittmuster-Designer Named Clothing hatte ich schon bei meiner Wahl des Weihnachtskleides 2016 in der engeren Wahl. Ich fand es damals als Winterkleid nicht passend und nahm mir fest vor, es in der wärmeren Jahreszeit zu nähen.
Auch wenn die Sache mit der wärmeren Jahreszeit eine Weile nicht so eindeutig war, fand ich es jetzt an der Zeit, Tuuli zu nähen. Ausschlaggebend war wieder mal der Stoff, den ich hatte: ein Modaljersey von Lillestoff mit dem schönen Namen Magnolia.
 #einbisschenGlitzermusssein

Modaljersey ist ein tolles Material. Er hat den gleichen schönen Fall wie Viscosejersey, ist dabei aber etwas griffiger und fester. Hergestellt wird Modal aus Zellulosefasern, so wie Viscose. Ausgangsstoff ist für Modal allerdings immer Buchenholz.
Das Tuuli-Kleid ist eigentlich ein recht simpler Schnitt: ein enganliegendes Oberteil mit V-Ausschnitt, darunter ein weiter Rock, der an der Oberkante in gleichmäßige Falten eingelegt wird. Mich erinnerte der Schnitt gleich an Moneta von Colette, auch Moneta hat diese Kombination von engem Oberteil mit weitem Rock, der aber bei Moneta mit Framilon-Band eingekraust wird.
Das Oberteil von Tuuli ist wirklich sehr figurbetont: im Brustbereich hat der Schnitt eine "negative ease" von 12 cm, das ist schon recht enganliegend. Aber kein Wunder, der Schnitt hat ja auch eine Variation als Body, und da muß er natürlich figurbetont sein. Das Positive daran ist, daß Tuuli bei den meisten Frauen sehr gut sitzt- das Oberteil ist so eng, daß es keine Falten schlagen kann

Mein Modaljersey war für diesen Schnitt gut geeignet. Er ist leicht und sehr dehnbar, ich habe ihn allerdings fürs Oberteil gedoppelt, damit sich nicht jede Spur meiner Unterwäsche darunter abzeichnet. Die innere Schicht, also das Futter, ist ein einfarbiger Modaljersey.
die Bilder sind frühmorgens entstanden- deshalb mein verschlafener Gesichtsausdruck...
Im Originalschnitt wird der V-Ausschnitt mit einem Beleg versäubert, der auch am Bund festgenäht wird, sitzt sicher auch gut. Die Absteppung des Beleges  würde genau auf die Faltenkanten  des Rockes treffen - sicher auch ein schöner Effekt, den ich aber hier nicht zeigen kann. Ich habe die Mittelnaht des Vorderteiles einfach mit zwei Coverkettstichnähten betont. Die Spitze des V-Ausschnittes dann genau in die Mitte der beiden Nähte zu bekommen, gelang mir immerhin schon beim zweiten Anlauf .

Das Kleid ist natürlich schnell genäht, auch das Legen der Falten ist nicht sonderlich schwierig, wenn man mal den ersten Schrecken beim Anblick des Schnittmusterbogens überwunden hat. Die Falten sind regelmäßig, und man kann sie einfach ausmessen. Hier ist übrigens auch meine einzige Kritik an dem sonst so durchdachten und schönen Papierschnitt: der Rockteil ist überlappend gedruckt, wohl aufgrund der Breite von knapp 110 cm pro Rockteil. Man kann also nicht einfach ausschneiden, sondern muß abpausen. Ansonsten sind Schnitt und Anleitung perfekt, der Schnitt enthält eine Nahtzugabe von 1cm. Alle Angaben sind sowohl in inch als auch in cm enthalten. Die Angaben der Maße des fertigen Kleidungsstückes sind üppig und enthalten auch die Ärmelmaße, das finde ich schon sehr nett.

Die Hauptschwierigkeit bei Tuuli ist, denke ich, die Gestaltung der Taille. Nach der Anleitung würden die Falten des Rockes geheftet und dann Rock und Oberteil zusammengenäht . Bei einem stabilen Jersey geht das vielleicht ganz gut, aber jeder dünnere Jersey wird durch den weiten Rock (immerhin stattliche 220cm) auseinandergedrückt. Die Taille ist ja überhaupt ein Problem bei vielen Jerseykleidern. Nicht ohne Grund haben die von uns allen so geliebten Knipjerseykleider oft einen separaten Taillenbund, um Stabilität in diesem Bereich zu schaffen, sonst wird so ein Jerseykleid leicht formlos. Andere Schnitte, wie Moneta oder auch das Ladyskater-Kleid, verwenden Framilon-Band, um die Taille zu stabilisieren
Balancieren ist mit passendem Schuhwerk kein Problem..

Im Internet sieht man einige Tuuliversionen, die mit Gürtel getragen werden, ich vermute, hier könnte die formlose Taille der Grund dafür sein (abgesehen davon, dass Tuuli auch mit Gürtel auch sehr gut aussieht!). Nach der Anleitung könnte man dann noch ein Gummiband von innen gegen die Taille nähen, aber möchte man ein Gummiband direkt auf der Haut haben? Ich möchte es nicht!
...ups, wenn die Sache mit dem Gleichgewicht nicht wäre...
Ich habe mich deshalb dafür entschieden, die Taille mit Framilon zu stabilisieren. Framilonband und ich, das war lange Zeit keine große Liebe, überhaupt hatte ich es früher für eine Erfindung der Ottobre gehalten, da wird es ja ständig für alle möglichen Zwecke eingesetzt.
Ich hatte Framilon  erst bei Moneta schätzen gelernt, nicht nur zum Einkrausen, was ich eher etwas unschierig fand, aber es verhindert wirklich auch längerfristig ein Ausleiern der Taille.

Bei meinem Tuuli habe ich der Taille also viel Näh-Aufmerksamkeit geschenkt: zunächst im Rock die Falten geheftet und dann Framilonband unter leichtem Zug mit Zickzackstich aufgenäht. Die Länge des Framilonbandes habe ich vorher ausprobiert, sie lag  bei mir ungefähr bei 85% meines Taillenumfanges. Die Unterkanten des Oberteils, das ja gedoppelt war, hatte ich auch zusammengeheftet. Dann hatte ich anprobiert, wo meine Taille sitzen sollte, das war bei mir etwa 1 cm höher als im Schnitt angegeben, und dann erst mit der Overlock zusammengenäht.
Aber jetzt bin ich mit der Paßform sehr zufrieden.

Überhaupt gefällt mir das ganze Kleid gut. Der Modaljersey fällt wunderschön, und angeblich schwitzt man darin überhaupt nicht- gut , das werden die nächsten warmen Tage zeigen.
ja, die Schuhe passen nicht zum Kleid, aber es war wie gesagt frühmorgens...

Meinem Mann gefiel das Kleid gut, erwartungsgemäß, eigentlich gefallen ihm alle Kleider an mir. Er meinte allerdings, das Kleid würde irgendwie altmodisch aussehen, und da war ich mir dann doch unsicher, ob das als Kompliment gemeint war...
Aber er hat schon recht, so lange Faltenröcke sind eher so 50er Jahre, oder noch früher? Egal, mir gefällt mein Kleid, und in Gedanken plane ich schon das nächste Tuuli. Da ich das Oberteil doppele, ist ja auch eine ärmellose Version leicht machbar, könnte mein Lieblingsschnitt für den Sommer 2017 werden.
Und ihr so? Tragt ihr schon Sommerkleider, oder rechnet ihr noch mit kühleren Tagen? Die Galerie der gut angezogenen Frauen, sprich MemadeMittwoch zeigt es!
Katharina empfängt uns dort mit einem traumhaften Sommerkleid mit interessantem Knotendetail, lädt unbddingt zum Nachmachen ein!

verlinkt: MMM 
              

Mittwoch, 3. Mai 2017

Kellyanorak von Closet Case Patterns



Den Kelly-Anorak habe ich schon einige Male genäht- leider die ersten Male nur in meiner Phantasie. Denn sobald ich einen interessanten Schnitt sehe, beginnt mein Kopf-Kino zu arbeiten: wie würde ich das nähen? welcher Stoff eignet sich dafür, habe ich einen Stoff im Vorrat, wo habe ich einen passenden gesehen? Steht mir der Schnitt, oder kann ich mir das Teil  gar nicht an mir vorstellen?
Als der Schnitt für den Kellyanorak im letzten Herbst veröffentlicht wurde, war ich sofort begeistert. Die großen Taschen, die Kapuze, der Kordelzug in der Taille, das gefiel mir alles sehr gut. Ich hätte ihn gerne sofort genäht, aber mein Kopf-Kino wurde zunächst gebremst: der Schnitt ist ungefüttert, und der deutsche Winter nahte- keine gute Kombination.

Die Designerin und Bloggerin von ClosetCase hatte diese Gedanken wohl gespürt und veröffentlichte kurz darauf eine Version des Anoraks mit Futter, allerdings nur eine Fassung, bei der der Außenstoff mit einem Futterstoff gedoppelt wird und das ganze wie eine Stofflage verarbeitet wird. Das kann man natürlich machen, aber mittlerweile (wir waren jetzt im Winter) schwebte mir in meiner Phantasie eher eine wasserdichte Version vor, aus einem Funktionsstoff. Wenn so ein Anorak wasserdicht werden soll, muß man aber auch die Nähte abdichten, und das geht bei dieser Version natürlich nicht mehr. Also. Kopfkino erst mal wieder abgestellt, und andere Dinge genäht...
Zum Frühjahr hin war ich mir dann wieder sicher, genau diesen Anorak zu benötigen. Ein wasserdichter Stoff, oder beschichtete Baumwolle sollte es werden, das Futter vielleicht aus Flanell, und den Futterschnitt würde ich selbst konstruieren- das war so die Version in den kühnsten Träumen.
Ich habe mir dann viele , viele Stoffproben schicken lassen. Bei der Farbe war ich mir auch sicher, denn er sollte blau werden, aber keinesfalls dunkelblau oder marine, sondern ein zartes Mittelblau, irgendwas zwischen taubenblau und jeansblau...

Wer schon mal einen bestimmten Stoff in einer bestimmten Farbe gesucht hat, ahnt was jetzt kommt. Natürlich habe ich diesen Stoff nicht gefunden. Die Funktionsstoffe waren sicher super in ihrer Funktion, fühlten sich aber furchtbar nach Plastik an und rochen auch so- nein, so etwas wollte ich nicht auf meinem Nähtisch haben. Beschichtete Baumwolle gibt es durchaus, aber nicht in der Farbe und Qualität , die ich wollte. Und ein unbeschichteter Baumwollstoff? Lange habe ich auch hier gesucht, nach einem Twill oder Canvas. Gibt es reichlich, in beige, schwarz, braun , grün oder marine- aber keine Farbe, die mir gefiel.
Bevor ich dann erneut die Lichter in meinem Kopfkino wieder ausschaltete, schaute ich nochmal auf den Blog von Closetcase. Hier gab es wirklich einen ausführlichen Artikel zu Stoffwahl für Kelly, als der ideale Stoff wurde ein Baumwolltwill von Robert Kaufmann erwähnt. Eher aus Langweile folgte ich dem Link auf die Seite von fabric.com, ein amerikanischer Stoff-Onlinehandel. Und da war der Stoff: ein weicher Baumwolltwill, und in allen erdenklichen Farben! Ein Blau gefiel mir schon, aber dann war da dieser fliederfarbene Stoff...flugs wurde das Programm im Kopfkino geändert, und ich wollte jetzt unbedingt einen fliederfarbenen Anorak nähen.

Eine Weile versuchte ich am Rechner, einen europäischen Händler für diesen Stoff zu finden, aber ohne Erfolg. Also in den USA bestellen? Nun ist Stoff bestellen in den USA einfach, bezahlen auch, nur über die Lieferung liest man immer wieder Schreckgeschichten auf den Blogs. Da wird von langen Lieferfristen berichtet, von Abholungen auf Zollämtern, horrenden Zollgebühren, unfreundliche Zollbeamten. Aber was tut man nicht alles für den idealen Stoff für ein lang geplantes Nähprojekt? Kurz checkte ich noch mal die Öffnungszeiten des Hanauer Hauptzollamtes, fand sie zumindest freitags mit meinen Arbeitszeiten kompatibel- und bestellte den Stoff in den USA.
Das ganze war Freitag abend, Mittwochs wurde mein Stoff geliefert.

Unser wie immer wortkarge UPS-Bote brachte mir das Päckchen an die Haustür, wollte  9 Euro Einfuhrumsatzsteuer dafür kassieren, die ich ihm natürlich gerne gab. Ein Brief von UPS wenig später brachte mir Klarheit: anscheinend fällt bei Sendungen in einem Warenwert unter 150 € nur eine Einfuhrumsatzsteuer  von 19% an, die üblicherweise wohl von den Paketdiensten vorgelegt wird. Also nichts mit Zollamt, dafür eine Lieferfrist, von der manche deutsche Onlingeschäfte nur träumen können.
Der Preis des Stoffes hielt sich durchaus im Rahmen, da die Stoffe in den USA so günstig sind, auch wenn das Porto und die Steuer dazu kommen. Über die ökologische Bilanz dieses Transportes mag ich jedoch nicht nachdenken. Dieser Stoff ist ja auch nicht in Amerika hergestellt, sondern vermutlich in Fernost, dann von da nach den USA, und dann nach Deutschland zu mir geflogen worden. Also einmal eine Reise um die halbe Welt, nur damit ich mir einen fliederfarbenen Kelly-Anorak nähen kann..

Der Stoff ist aber schon sehr schön. Fest, dicht gewebt, dabei ganz weich- ich habe selten so einen schönen Stoff in der Hand gehabt. Und so ein schöner Stoff verlangt nach einer schönen Verarbeitung, und so war mir bald klar, daß ich die Nähte mir einer Hongkong-Einfassung aus einem Liberty-Schätzchen verarbeiten würde. Und irgendwie mußte ich ja auch das Blumen-Thema des heutigen Memade-Mittwochs aufgreifen...

Der Libertystoff war auch schon angeschnitten, da ich die Innentaschen meiner Ginger-Jeans daraus gearbeitet hatte. Und wer genau hinschaut, sieht daß ich den Rand des Untertrittes damals auch mit einer Hongkong-Einfassung versehen hatte, auch wenn ich damals noch gar nicht wußte, daß das so heißt.
Bis vor kurzem war es mir  nicht klar, daß es verschiedene Techniken gibt, eine Nahtzugabe mit Stoff schön dekorativ einzufassen. Ich kannte das Ergebnis von hochwertiger Kaufkleidung, und fand es immer schon sehr schön.
Auch hier half mir der Blog von ClosetCase weiter, denn es gibt einen ausführlichen Bericht über die verschiedenen Techniken. Ein Weg ist das Einfassen mit einem vorgefalteten Schrägband, das man, wie auch immer, um den Nahtzugabenrand befestigt. Der einfachere Weg ist das Hongkong- Finish: der Schrägstreifen, ungefalzt, wird rechts auf rechts auf der Nahtzugabe genäht, um die Nahtzugabe herumgelegt und im Nahtschatten nochmals festgenäht. Optimalerweise läuft zwischendurch auch noch ein Kontakt mit dem Bügeleisen ab. Die umgeschlagene Kante des Schrägbandes bleibt bei dieser Version unversäubert, dewegen geht das auch nur bei Nähten, die nochmals abgesteppt oder festgenäht werden, und das ist bei diesem Anorak fast durchweg der Fall.

 Lediglich die Ärmeleinsatznaht wird nicht abgesteppt, und hier habe ich dann wirklich den Schrägstreifen vorher durch den Schrägbandfalter gejagt und die Nahtzugabe dann mit dem gefalteten Schrägband gebunden. Vorher hatte ich allerdings diese Kante noch mit der Overlock versäubert, da ich meinem zierlichen Schrägband nicht so recht die Haltefunktion zutraute.

Mir hat diese Art der Nahtversäuberung unglaublich viel Spaß gemacht. Natürlich ist es mehr Arbeit als nur mit der Overlock über die Nahtzugaben zu rattern. Aber es ist so viel schöner, und es macht einfach  Freude, ein hochwertiges Kleidungsstück zu produzieren.

Das Nähen des Anoraks war kein besonderes Problem- so würde ich gerne etwas hochtrabend berichten, trifft aber natürlich nicht zu. Aber es ist machbar, ich würde sagen für jeden, der darauf Lust hat, sich Mühe gibt und Zeit nimmt und einen ambitionierten Nahttrenner besitzt...
Nein, so schlimm war es wirklich nicht. Der erste Schreck sind natürlich die vielen Teile, die alle ihren Platz finden müssen. Aber es ist ein guter und professioneller Schnitt, alle Teile haben die erforderlichen Bezeichnungen und Paßzeichen.


Die Anleitung ist hervorragend , und für die schwierigen Stellen gibt es Artikel auf dem Blog von Closet Case, in denen sie erklärt werden.
Neu waren für mich die Beutel-Taschen, und natürlich der Reißverschluß, der ordentlich mit Beleg und Blende eingefaßt wird.

Die Hardware, also Reißverschluß, Knöpfe und Ösen waren übrigens das, was durchaus ins Geld ging. Ich glaube, der Betrag, den ich im Kurzwarengeschäft gelassen habe, entsprach in etwa dem Preis des Stoffes. Hätte man sicher online auch günstiger bekommen, aber wenn man eine Kordel im gleichen Roseton wie den Reißverschluß sucht, braucht man schon ein "richtiges" Geschäft.
Das Einschlagen der Druckknöpfe war völlig problemlos, ich hatte hier die Anorak-Druckknöpfe von Prym verwendet. Meine Hauptschwierigkeit bei den ersten Knöpfen war das Stanzen des Loches in den Stoff, da der mitgelieferte kleine Stanzzylinder dafür meiner Meinung nach völlig ungeeignet ist. Das hat mich zum Kauf einer Ahle geführt- gibt es übrigens nicht im Baumarkt, wo ich zuerst danach gesucht hatte, sondern wirklich im Nähgeschäft. Die Ahle bohrt das Loch wunderbar vor, und zwar durch ein Auseinanderdrängen der Fasern, also fast ohne größere Verletzungen des Stoffes. Das war schon ein tröstender Gedanke, denn immerhin führt man diese Prozedur am fertigen und wunderschönen Kleidungsstück aus, und mir fiel es richtig schwer, die schöne Knopfleiste zu durchlöchern. Aber ich denke, es hat sich gelohnt, es macht den Anorak doch etwas "professioneller" vom Aussehen her.
Genäht habe ich Größe 10, ohne Änderungen. Auf ein Probeteil hatte ich großzügig verzichtet, denn ich hatte ja bereits den Mantel Clare von Closet Case genäht, der mir gut paßt. Kelly ist auch nicht sehr paßformsensibel, da die Taille durch den Kordelzug beliebig gerafft werden kann.
Die Kapuze paßt mir gut und kann durch zwei Knöpfe verschlossen werden.
An den Ärmeln habe ich noch einen zweiten Druckknopf weiter innen angebracht, damit ich die Ärmel notfalls weiter verschliessen kann. Das hat sich beim Fahrradfahren schon bewährt, damit der Fahrtwind nicht so von vorne in die Jacke hineinwehen kann.
Insgesamt bin ich sehr , sehr glücklich mit meinem neuen Anorak. Und natürlich auch stolz, das gebe ich gerne zu, denn ich habe ein wunderschönes Kleidungsstück hergestellt, das keiner außer mir so besitzt, und dabei so manche Schwierigkeiten erfolgreich gemeistert. Das Nähen von Jacken oder auch Mänteln hat doch noch mal eine andere Dimension beim Nähen als das Herstellen von T-Shirts, Hosen oder Kleidern, finde ich...irgendwie dachte ich doch immer, daß man diese Domainen der Kaufklamottenhersteller nicht so ohne weiteres würde erobern können. Umso schöner, wenn es doch gelingt!
Das Shirt ist übrigens einer meiner ersten genähten T-Shirts. Ein Knotenschnitt, wie es damals so modern war, von der Schnittquelle. Eigentlich ein schönes Shirt, allerdings ist der Stoff 100% Polyester, und ich schwitze sehr leicht darin, deswegen trage ich es nicht gerne.
 Was zeigen denn die anderen Selbermacherinnen heute? Ich freue mich heute auf viele geblümte Inspirationen auf dem Memademittwoch
Schnitt: Kelly-Anorak  von ClosetCase, Gr. 10
Stoff: Robert Kaufmann Ventana Twill Light purple