Mittwoch, 20. September 2017

Etuikleid nach eigenem Schnitt

Nein, dies ist definitv kein Herbstkleid, kleidungstechnisch passe ich damit durchaus nicht in die derzeitige Witterung. Aber dieser Schnitt mußte unbedingt noch genäht werden!
Die Entstehungsgeschichte dieses Kleides begann im Spätsommer.  Für Anfang September hatte ich wieder einen Platz in einem Schnittkonstruktionskurs bei Peggy Morgenstern ergattert. Es war schon mein dritter Kurs bei Peggy, die ersten Kurse hatten sich mit der Konstruktion von Rock, Hose und Oberkörpergrundschnitt beschäftigt, hier hatte ich schon mal darüber berichtet. Diesmal sollte es um Etuikleider gehen.

Da wir passende Stoffe mitbringen sollten, hatte ich mir schon vorher Gedanken gemacht, was ich gerne nähen würde. Das war nicht schwierig, denn ich wußte schon lange, wie so ein Etuikleid für mich aussehen sollte. Aus Leinen, ärmellos für den Sommer, aber natürlich auch gefüttert für den schönen Fall des Kleides. Passenden Stoff fand ich hier, ein eher kräftiges Leinen mit einer schönen Oberflächenstruktur.  Bei der Farbe hatte ich dann die Qual der Wahl, da es so viele schöne Farbtöne gab, und dieses blasse Blaugrün hat dann das Rennen gemacht.
Die Kurse bei Peggy laufen immer sehr strukturiert ab. Auch diesmal gab es zur Einführung einen theoretischen Exkurs über Etuikleider und vor allem die verschiedenen Formen der Teilungsnähte wie Prinzessnähte, Wiener Nähte und Flankennähte. Eigentlich alles sehr einleuchtend, jeder hat sicher schon mal die Diagramme gesehen, wie die Brust- und Taillen-Abnäher in einer Teilungsnaht verschwinden.

Aber dann ging es ans praktische Zeichnen. Wir Teilnehmer hatten ja alle einen  angepassten Oberkörpergrundschnitt und standen nun vor der Aufgabe, daraus ein Kleid nach dem von uns gewünschten Entwurf zu konstruieren. Und was in der Theorie so einfach klingt, stellt einen vor ungeahnten Schwierigkeiten, wenn man dann vorm Schnittpapier steht...wo soll denn jetzt dieser Abnäher hin? welchen Schwung soll diese Naht bekommen? wie soll ich den Ausschnitt gestalten?
Zum Glück hatten wir Peggy, die mit ihrer gewohnten Geduld immer zwischen uns herpendelte und jedem helfend unter die Arme griff.
Mit war rasch klar, wie ich mein Kleid gestalten wollte. Im Vorderteil Wiener Nähte, ins Armloch ziehend, im Rücken Abnäher. Den Schulterabnäher im Rückenteil habe ich den Ausschnitt gedreht. Und natürlich einen kleinen Gehschlitz, um die nötige Beinfreiheit zum Laufen und Radfahren zu gewährleisten.
Nachdem der Schnitt gezeichnet war, wurde er aus Nessel probegenäht. Wie immer gab es hier beim Zuschneiden, Nähen und Bügeln viele kleine Tips von Peggy zwischendurch- unglaublich hilfreich für jemanden wie mich, der nie einen richtigen Nähkurs besucht hat.
Spannend waren dann die Anproben der Nesselmodelle. Wir waren vier Kursteilnehmerinnen, mit naturgemäß vier ganz verschiedenen Figuren und Anpassungsproblemen. Wie schön, daß Peggy für jedes Problem eine Lösung wußte! Die abgesteckten Änderungen am Modell wurden dann auf den Schnitt übertragen. Dann folgten natürlich noch die ergänzenden Arbeiten: es wurden auch Belege und Futter konstruiert, so daß wir mit einem kompletten Schnitt nach Hause fahren konnten..

Und diesen Schnitt mußte ich dann natürlich unbedingt und sofort nähen, ich war ja so neugierig, wie mein Etuikleid aussehen würde!

Eigentlich hatte ich mich auf diese Näharbeit ja unglaublich gefreut. Wann hat man schon mal den Luxus, daß man schon vor dem Nähen sich sicher sein kann, daß der Schnitt paßt? Ich nähe sonst fast nie Nesselmodelle und versuche eher, das nach den ersten Anproben irgendwie anzupassen.
Aber nun hatte ich einen fertigen Schnitt, einen passenden Stoff, Futter und Reißverschluss verkaufte mir gerne der lokale Stoff-Dealer.

Aber - ich hatte keine Lust mehr zum Nähen. Ich glaube, es lag am Wetter, das mittlerweile so herbstlich geworden war. Ich hatte keine Lust mehr auf ärmellose Kleider und Leinen, ich wollte langärmelige Schnitte und kuschelige Stoffe. Aber da es nicht meine Art ist, eine unvollendete Arbeit liegen zu lassen, habe ich mich durchgekämpft. Natürlich mit den üblichen Problemen einer ungeliebten Näharbeit, also viele Fehler, falsch zusammengenähte Teile, wieder auftrennen, das übliche Programm.
Über dem ganzen Ärger war ich aber doch froh, daß mein Schnitt eigentlich korrekt war. Alle zusammen gehörigen Nähte paßten auch zusammen. Wie gut erinnere ich mich da an manche Fertigschnitte, wo eben nicht zusammen paßt, was zusammengehört!
Der Ausschnitt hat eine etwas gebogen Form, ist also kein gerader V-Ausschnitt. Das sah im Nesselmodell sehr hübsch aus. Die endgültige Version finde ich nicht ganz so überzeugend, das mag aber auch an meinem doch eher kräftigen Stoff liegen. Der Ausschnitt steht ganz diskret ab.
Ganz gut gelungen finde ich den nahtverdeckten Reißverschluss im Rückenteil.
Mein Hauptproblem war letzendlich der Schlitz im Rückenteil, oder besser gesagt die Schlitzverarbeitung mit dem Futter.
Die Futterverarbeitung sonst war kein größeres Problem, und so zeige ich erstmal gerne die Innenansichten des Kleides:
Aber dieser Schlitz, der hat mich wirklich Nerven gekostet. Geplant war ein Schlitz mit Untertritt, dafür hatte ich eine Anleitung ohne Futter, die ich verstanden hatte,  und eine Anleitung mit Futter, die ich nicht verstanden hatte. Schon beim Zuschneiden gelang es mir nicht, den Knoten im Gehirn aus Untertritt, Beleg und Nahtzugaben aufzulösen, und so klaffte nachher über dem Schlitz eine große Öffnung im Futter, wo ich zu weit ausgeschnitten hatte (ich hatte hier die Nahtzugabe vergessen)
Da ich das erst gemerkt hatte, als das Futter schon eingenäht hatte, habe ich mich zu einer unkonventionellen Reparaturmethode entschlossen und einfach einen "Flicken" auf die Öffnung gesetzt- nicht schön, aber zweckmäßig.
Das Kleid ist insgesamt ziemlich genau so geworden, wie ich es mir vorgestellt habe. Die Paßform ist gut, der Stoff schön und bis auf das Malheur mit dem Saumschlitz ist es mir auch ganz gut gelungen.
Trotzdem bin ich nicht ganz glücklich damit. Liegt es daran, daß es zu schlicht ist? Aber ich wollte es ja schlicht und klassisch, jetzt denke ich manchmal, daß es einfach langweilig ist...
Aber ich glaube, das Hauptproblem ist doch, daß es nicht mehr in die Jahreszeit paßt. Vermutlich werde ich es im nächsten Jahr im Mai wieder gerne aus dem Schrank holen und mich über mein schönes, schlichtes Sommerkleid freuen.
Aber soll es jetzt wirkllich bis zum nächsten Sommer im Schrank hängen? Da habe ich dann doch noch mal nach einem passenden Herbst-Styling geschaut, und siehe da, das kam dabei heraus:

Das Papercut-Wickeljäckchen paßt farblich gut dazu, und mit Schal und passenden Schuhen fühle ich mit jetzt doch auch bei der heutigen Witterung gut angezogen!

Alle anderen gut angezogenen Damen des Memademittwoch, egal ob Herbst- oder Sommerkleidung, findet man hier!

Mittwoch, 13. September 2017

Undercover Hoodie von Papercut Patterns

Herbstzeit ist Hoodie-Zeit! Den Undercover-Hoodie von Papercut Patterns wollte ich nähen, seit ich bei Claudia so schöne Beispiele gesehen hatte. Hoodie-Schnitte gibt es ja wie Sand am Meer, aber dieser Schnitt schien mir  der ideale Mittelweg zwischen sportlichem und femininem Stil zu sein.
Die Papercut-Schnitte habe die Besonderheiten, daß die Papierschnitte aus Umweltschutzgründen auf einem braunen Recyclingpapier gedruckt sind. Ist ja prinzipiell nicht verkehrt, und das Papier ist schön stabil, wenn man es direkt ausschneidet. Sehr hübsch fand ich die Verpackung des Schnittes in einem braunen Karton, mit Griff zum Aufhängen- da könnte man sich dann alle Papercutschnitte auf einer Stange sortieren, würde sicher zur Ordnung im Nähzimmer beitragen!
Die Anleitung ist knapp, aber völlig ausreichend, zumal es sich ja um einen simplen Schnitt handelt.
Der Undercoverhoodie ist ein Raglansweater mit Kapuze, genäht habe ich Größe S. Mit der Paßform bin ich erstmal zufrieden- ich denke, für einen Raglanschnitt mit geraden Nähten ist das ok.
Die Kapuze hat eine schöne Größe. Natürlich kann man über den praktischen Sinn einer Kapuze am Sweatshirt streiten- vermutlich werde ich sie selten als Regen- oder Kälteschutz tragen, sondern meistens hängt sie mehr oder weniger dekorativ am Rücken. Aber da wärmt sie und bildet einen guten Windschutz am Hals, das ist für mich so der Grund, warum ich gerne Pullis mit Kapuze trage.
Und ein unschätzbarer Vorteil der Kapuze ist ja auch, daß man sich hier mit dem Futter so austoben kann: die ideale Resteverwertung von Jerseyresten, Farbtupfer, Ton-in-Ton-Kombinationen- da ist der Phantasie keine Grenze gesetzt.

Mein Pullis ist aus einem Nosh-Sweat genäht. Das ist ein  Stoff  mit einer interessanten Oberflächenstruktur aus 100% Baumwolle, also ohne Elastan.  Die Dehnbarkeit des Stoffes ist dadurch begrenzt, was für den Tragekomfort aber keine Rolle spielt, der Stoff fühlt sich absolut angenehm an.
Für Bündchen fand ich ihn aber doch nicht geeignet aufgrund der geringen Dehnbarkeit. Ich hatte zwar schon Bündchen zugeschnitten, etwas breiter als im Schnitt vorgesehen, konnte mich aber dann nicht zum Annähen entschliessen. Ich fand den Pulli und auch die Ärmel eigentlich auch lang genug und habe mir daher eine andere Lösung überlegt.
Vor kurzem hatte ich den Malaga Sweater von WafflePattern genäht, hier hatte mir die Saumlösung mit eingelegten Falten gut gefallen. Das habe ich jetzt kurzerhand auch für diesen Pulli übernommen und 4 offene schräge Abnäher am Saum genäht. Die Saumkante selbst habe ich mit einem "Beleg" aus gestreiftem passenden Nosh-Jersey verstürzt.
Auch die Ärmelbünchen erhielten Belge aus gestreiftem Jersey. Wenn man die Bündchen umklappt, sieht man den gestreiften Jersey.
Für die Kapuze hat der gestreifte Jersey nicht mehr gereicht, deshalb mußte ein anderer Nosh-Jerseyrest daran glauben
Ich liebe es ja mittlerweile sehr, auch die Innenverarbeitung der selbstgenähten Kleidundsstücke schön zu gestalten. Natürlich sieht das erst mal keiner außer mir, aber ich freue mich darüber immer wieder, ich denke, das macht auch die Hochwertigkeit unserer selbstgenähten Kleidung aus.
Aber entscheidend ist sicher auch der Tragekomfort, insbesondere bei einem Hoodie. Und der ist in diesem Fall sehr hoch, der Pulli trägt sich toll und hat seine Fahrradtourentauglichkeit am letzten Wochenende bravourös bewiesen.
Und da das schönste bei einer Fahrradtour natürlich die Pausen sind, lasse ich hier auch mal ein paar Bilder sprechen:

Die Hose , die ich trage, ist übrigens die Morgan Jeans von Closet Case, hier  schon mal gezeigt. Erwartungsgemäß haben sich diese Hosen als ein absolutes Lieblingsstück entpuppt, das ich zu allen Gelegenheiten gerne trage, so auch zu  dieser Fahrradtour.
Was tragen denn die anderen Damen, die auf dem Memademittwoch präsentieren, heute?  Sicher auch lauter Lieblingsstücke! Katharina empfängt uns heute in einem traumhaften Hosenrock, der hat absolut Lieblingsstück-Potential!
verlinkt Memademittwoch, Ichnähbio

Mittwoch, 6. September 2017

gut kopiert ist halb konstruiert

Endlich wieder Memademittwoch, und dann noch mit dem tollen Motto: "mein schönstes Ferienerlebnis!"
Das ist doch der ideale Anlaß, mein neues Kleid zu zeigen, das ich in der Ferienzeit geplant, entworfen und genäht habe.

Die ganze Geschichte begann in meinem Ostseeurlaub. Das Sommerwetter 2017 im Norden war ja bekanntermaßen nicht so ganz toll, und so gab es immer wieder mal Tage, die ich dann lieber für Fahrradtouren als für Strandkorbleben nutzte. Eine der Touren führte ins nahegelegene Lübeck, das natürlich bei jedem Wetter eine Reise wert ist. Die vielen schönen Kirchen, die Einkaufsstraßen mit den kleinen Geschäften, der Flußring um die Innenstadt...mir gefällt Lübeck einfach unwahrscheinlich gut. Und da beim Bummeln dann der nächste Regenschauer drohte, betrat ich ein Modegeschäft mit skandinavischer Mode.

Eigentlich interessieren mich Klamottenläden nicht mehr, seit ich selbst nähe. In diesem Geschäft war das anders, ich fand alles toll, kaufte auch ein Strickjäckchen und ein einfarbiges Top, lag sicher auch einfach an meiner entspannten Urlaubsstimmung.
Den Ständer mit den Jerseykleidern streifte ich allerdings nur mit einem flüchtigen Blick. Nein, ein Jerseykleid würde ich hier sicher nicht kaufen, das nähe ich doch lieber selbst!
Dem flüchtigen Blick blieb allerdings ein sehr hübsches Kleid nicht verborgen, zumal auch eine der Verkäuferinnen dieses Modell trug. Wickeloberteil, darunter irgenein Knotendetail- sah wirklich hübsch aus.

Dieses Kleid ging mir dann in den nächsten Tagen nicht aus dem Kopf. Wickeloberteil ist klar, aber wie mochte dieses Knotendingens wohl konstruiert sein? Da war ja wohl ein Taillenband, war der Knoten, oder besser gesagt die Verschlingung, im Band? oder doch aus den Oberteilen kommend?
Wieder zuhause, durchforstete ich etliche Knip und Fashion-Style Jahrgänge nach einem ähnlichen Schnitt. Den mußte es doch einfach geben! In der Knip erscheinen jeden Monat 2-3 neue Jerseykleidschnitte. Wenn man davon ausgeht, daß die Anzahl der möglichen Kleiderschnitte endlich ist, mußte mein Schnitt hier zu finden sein.
Allein- die Mathematik half mit nicht weiter, ich fand diesen Schnitt nicht. Ja , es gab ähnliche Schnitte, wie den bekannten Ottobre Schnitt Twist Knot, oder auch dieses Knip-Kleid. 
Alle hatten die Verknotung in der Mitte, das war  aber nicht  das, was ich wollte.
Mein skandinavischer Klamottenladen hatte auch einen Onlineshop, und da betrachtete ich mir mein Kleid nochmal. Auch wenn das Bild schlecht war- ich mußte diesen Schnitt haben und das Kleid nähen.
Und so kam es, wie es kommen mußte, ich bestellte mir das Kleid. Beim Bestellen hatte ich zugegebenermaßen noch den hinterhältigen Gedanken, den Schnitt zu kopieren und dann das Kleid zurückzuschicken. Dafür war ich dann doch zu anständig, denn nachdem ich den Knoten ausgiebig in alle Richtungen gezerrt und geschoben hatte, fand ich es unfair, dieses maltraitierte Stück zurückzuschicken. Außerdem gefiel mir der Stoff, und da ich soweiso das Motto habe, daß man Kleider nie genug hat, hängt es jetzt in meinem Schrank und wurde durchaus gerne getragen, auch wenn es "nur" ein Kaufkleid ist... aber dafür kann es ja auch nichts.

Aber die Konstruktion war mir dann klar. Die Verschlingung im Taillenband kam aus beiden Oberteilen, wobei die linke Verschlingung nicht am Ende des Wickelteiles ansetzte, sondern weiter seitlich. Beide Bändel, die die Verschlingung bilden sollten, hatten an ihrer Basis eine Breite von ca 10 cm- klar, damit der "Knoten" schön aussieht, braucht es einen breiteren Stoffstreifen.  Der rechte Bändel läuft konisch bis auf eine Breite von 5 cm, der Breite des rückwärtigen Taillenbandes, der linke wird an der linken Seitennaht auf die entsprechende Breite eingereiht.
Der Rock ist in der rechten Hälfte glatt und wird in der linken Hälfte oben eingereiht, so daß wirklich der Eindruck einer Verknotung  im linken Vorderteil entsteht. Wirklich ein schöner Schnitt, überraschend, daß die einschlägigen Schnittdesigner sowas noch nicht entdeckt haben!

 So sahen dann die Schnittteile für die Oberteile aus. Grundlage war ein einfacher Shirtschnitt, daraus die überlappenden Vorderteile für den Wickeleffekt  und die unten anhängenden Bändel. Das Bändel des linken Teiles wird dann um 90° nach links gedreht und die Seitenkante, die vorher etwas eingereiht wurde, an die Unterkante des Oberteiles genäht. Offen blieb nur eine sehr kleine Öffnung, durch die der Bändel des rechten Teiles gesteckt wurde, bevor auch hier die Seitenkante des Bändels an die Unterkante des rechten Oberteiles genäht wurde.

Das Rockteil ist in der rechten Hälfte glatt, in der linken Hälfte eingereiht. Die vordere Mitte des Rockteils befindet sich unterhalb des Verknotung, also in der linken Hälfte des getragenen Kleides. Ich finde, auf diese Art fällt der Rock sehr schön.
Im Rücken wollte ich Oberteil und Rockteil in der Mitte in Fältchen legen. Das war im Rockteil kein Problem, im Oberteil habe ich aber nur den unteren Teil des Schnittes aufgespreizt. Das war keine gute Idee, zumal der Stoff auch sehr, sehr weich ist und wenig Stand hat. Statt Fältchen habe ich jetzt eher eine Beule im Rücken über dem Taillenbund- na ja, kann ja auch nicht alles gleich klappen!
Der Stoff ist übrigens wieder mal ein Modaljersey von Lillestoff, mit dem schönen Namen Ringvivo.
Ich fand die Ringe auf dem Stoff so schön passend zu meinem verschlungenen Schnitt!
Der Ausschnitt von Wickelkleidern ist ja immer ein Problem, da er naturgemäß klafft und mehr oder weniger unerwünschte Einblicke gestattet. In diesem Fall habe ich die Ausschnittkanten zunächst mit Framilonband verstärkt, bevor ich mit der Cover abgesteppt habe. Das Framilon wollte ich leicht gedehnt aufnähen, bei einem Probestück hatte das ganz gut geklappt. Beim endgültigen Teil gelang es mir nur mäßig- der weiche Modal und Framilon sind kein wirkliches Dream-Team, das mußte ich dann einsehen. Zunächst wurde der Stoff zu stark eingereiht durch das gedehnte Band. Nachdem ich dann voller Ärger einen tüchtigen Dampfstrahl meines Bügeleisens auf den Ausschnitt gerichtet hatte, gaben wohl etliche Polyfasern des Framilonbandes ihre Funktion aus, der Ausschnitt wurde wieder glatt- und klaffte etwas auf, so wie immer.
Da ich mich auch außerhalb meines Gartens in dem Kleid  bewegen wollte, habe ich noch ein Unterhemdchen genäht, daß tiefere Einblicke verhindert.
Hierfür habe ich den Schnitt Julia aus der August-Seamwork genommen. An dem Schnitt ist nichts Originelles, aber ich fand es einfacher, die paar pdf-Seiten zusammenzu kleben als meine (zugegebenermaßen) umfangreiche Schnittsammlung nach etwas vorhandenem zu durchforsten.
Julia hat einen hübschen Ausschnitt, ist ansonsten aber sehr weit, ich habe an den Seitennähten noch einiges weggenommen, so 1-2 cm jeweils.
Aber unter dem Kleid macht sich das Top doch ganz gut, ich fühle mich dann doch etwas kompletter angezogen.
Insgesamt bin ich mit meinem "kopierten" Kleid sehr zufrieden. Der Stoff trägt sich natürlich traumhaft, zumindest bei hohen Temperaturen, die Herbst-Tauglichkeit  wird sich erst noch zeigen, aber vielleicht geht es mit einem Strickjäckchen. Die Paßform ist natürlich um Klassen besser als bei dem Kaufkleid. Fahrradfahren geht einwandfrei- das ruft doch direkt nach einer Wiederholung!

Beim nächsten Exemplar würde ich dann die Rückenpartie reparieren, also Fältchen nur im Rockteil und das Oberteil glatt lassen. Dann würde ich gerne die Bändel des Taillenbandes auch im Vorderteil gedoppelt haben, im Rückteil ist das Taillenband bereits gedoppelt . Ein Jerseytaillenband, vor allem aus so einem weichen Stoff wie diesem Modaljersey, braucht wohl  doch die zwei Stofflagen, um die notwendige Stabilität zu haben.
Ich könnte auch die gesamten Vorderteile doppeln, mit den anhängenden Bändeln. Vielleicht würde das auch den Wickelteilrändern die notwendige Stabilität geben?
Ach , nähen ist so toll, das habe ich wieder mal an diesem Kleid gemerkt.  So schön, wenn man eigene Ideen umsetzen kann!
Jetzt schaue ich erstmal bei den anderen Damen des Memademittwoch, was die so im Urlaub genäht haben. Da gibt es sicher wieder viele Inspirationen!
verlinkt: MMM, LL (ab Freitag)

Donnerstag, 24. August 2017

Flint von Megan Nielsen

Die Flint Pants von Megan Nielsen sind mir in den letzten Wochen gefühlt auf jedem zweiten Nähblog begegnet, und überall sahen sie bzw. ihre Trägerin toll aus. Und so nähte ich mir auch noch in diesen Spätsommertagen eine Flint Pant.
Wobei- eine Hose ist das eigentlich nicht. Es ist ein Hosenrock, und der Schnitt ist ein Rockschnitt, mit dem entsprechenden Zwischenbeinteil für den Hosenrock. Und weil es eben keine Hose ist, sondern ein Rock, wirkt es auch so schön feminin. Die australische Designerin Megan Nielsen hat das einfach gut raus mit den Rockschnitten, einer ist wirklich schöner als der andere.
Mein Stoff ist wieder mal eine Viskose der französischen Stoff-Designerfirma Atelier Brunette. Vor einigen Wochen wurde eine neue Stoffkollektion veröffentlich. Wie immer war ich vom Design und den Farben begeistert und habe direkt bei Atelier Brunette bestellt, sobald der Online-Shop in Paris die Stoffe anbot. Diese bildschöne Viscose trägt den Namen Moonstone blue.
Leider liess die Lieferung auf sich warten, und eine Erklärung kam dann irgendwann per Mail , zum Glück auf Englisch, denn so gut ist mein Französisch dann doch nicht. Es gab jedenfalls Probleme mit der Qualität und der Farbechtheit diese blauen Stoffes, offensichtlich waschen die braunen Sprenkel sich leicht aus. Wenn ich ihn trotzdem haben wollte, so der Hinweis in der mail von Atelier Brunette, dürfte ich ihn nur im Wollwaschgang waschen.
Da mir schon klar war, daß ich aus diesem Stoff einen Rock nähen würde, den man ja nicht so oft wäscht wie ein Kleid, hat mich das nicht weiter gestört, und ich habe ihn trotzdem bestellt. Ich habe dann mit 30° den Stoff vorgewaschen, und das hat er gut überstanden.
Atelier Brunette hat dieses Qualitätsproblem wohl nach wie vor nicht gelöst, denn der Stoff in dunkelblau ist immer noch nicht wieder im Onlineshop erhältlich. Schade eigentlich, denn ich finde diesen Stoff so unglaublich schön!

Also. Stoff und Schnitt waren da, da konnte ich mich voller Freude ans Nähen machen. Es gibt ja sehr viele Rezensionen dieses Schnittes, am meisten geholfen haben mir die Beiträge von Kleidermanie, die etliche wunderschöne Flint-Versionen genäht hat. Und so wußte ich auch schon, daß Flint eher groß ausfällt. Genäht habe ich Größe S, im Schrittbereich XS und die hintere Schrittnaht steiler gestellt und verkürzt. Um auf meine gewünschte Taillenweite zu kommen, die zwischen S und M liegt, habe ich Abnäher und Bundfalten verkleinert. Das war zwar rechnerisch richtig, aber trotz allem ist der Schnitt insgesamt irgendwie doch sehr, sehr weit...
Ich habe dann nach der ersten Anprobe in beiden Seitennähten jeweils 1 cm weggenommen. Und trotzdem saß der Bund nachher nicht da, wo er sitzen sollte, nämlich unbedingt in der Taille.
Aber nun ist ja die Konstruktion des Rockes so witzig, daß man eben keinen Reißverschluss hat, sondern der Rock über ein Bindeband an der Seite geschlossen wird. Eingestiegen in den Rock wird dann sozusagen über die Tasche. Zu Sicherheit gibt es noch einen Knopf auf der Innenseite des Bundes.
Diesen Knopf habe ich dann ca 1 cm weiter nach innen gesetzt, als es eigentlich gedacht war, und das Schleifchen läßt sich auch so straff schnüren, daß der Rock dann doch in der Taille sitzt.
Auf den Bildern sieht es so aus, als ob die hintere Mittelnaht verzogen wäre. Das hängt sicher mit dem versetzten Knopf zusammen, durch den die ganze Hose natürlich nach links gezogen wird. In echt fällt das glaube ich nicht so sehr auf. Ich hätte auch die hintere Schrittnaht noch mehr kürzen müssen, dann wären die Falten an der rückwärtigen Hose nicht so vorhanden (glaube ich jedenfalls).
Abgesehen von diesen Paßformproblemen war Flint sehr einfach und schnell zu nähen.

Es gibt ein technisches oder fertigungsspezifisches Problem bei dem Schnitt, für das ich aber zum Glück auch schon durch Ninas Posts vorbereitet war (sonst hätte ich es erst nach dem Nähen gemerkt und mich wahrscheinlich maßlos geärgert)

Die linke Tasche dient wie gesagt als Einstieg in den Rock und wird daher nicht bis oben zugenäht. Deshalb werden natürlich auch die Ränder der Tasche entsprechend strapaziert. Eine einfache Nähmaschinenversäuberung ist hier sicher keine gute Idee, und auch ein Overlocknaht macht auf Dauer bestimmt keine Freude- immerhin öffnet man dieses Teil aus naheliegenden Gründen etliche Male am Tag. Ich denke, daß an dieser Stelle ist wirklich mal eine Schrägstreifenversäuberung der Nahtzugaben die optimale Verarbeitung ist. Schade, daß das in dem sonst so ausführlichen Sewalong auf der Website von Megan Nielsen nicht thematisiert wird!

Ich habe  das jedenfalls zum Anlass genommen, meine Schrägbandeinfasser an der Nähmaschine endlich seiner Bestimmung zuzuführen. Ich besitze das gute Stück zwar schon eine Weile, da ich es gemeinsam mit meiner Cover gekauft hatte, habe es aber bisher nicht ausprobiert.
Die erste Montage hat mich dann einiges an Nerven gekostet- nicht weil es schwierig ist, sondern weil die Beschreibung im mitgelieferten Prospekt zwar in drölfzig Sprachen , aber ansonsten völlig insuffizient ist. Das You Tube Video brachte rasch Klarheit, schwierig ist Montage und Einstellung eigentlich nicht. Hätte man das nicht in eine verständliche papiergebundene Anleitung bringen können, die man dem Bandeinfasser dazulegt? Das Bernina-Zubehör ist so hochpreisig, ich finde, das wäre hier angemessen gewesen.
Nachdem die Montage bewältigt war, saß ich staunend vor der Nähmaschine und schaute zu, wie das (ungefalzte!) Schrägband in eine saubere Einfassung verwandelt wurde. Ich hätte noch Stunden so weiternähen können und war richtig traurig, als meine vier Taschenbeutel eingefaßt waren!

Das Schrägband hatte ich übrigens auch aus einem Atelier Brunette Stoff zugeschnitten (Sparkle Melba gold), das paßte dann farblich perfekt. Sieht allerdings leider keiner ausser mir...

Über die Rock- oder Hosenlänge habe ich einen Tag nachgedacht. Ich hatte von vornherein schon um ca 6-7 cm gekürzt, da ich nicht genug Stoff hatte .  Nach der ersten Anprobe hatte ich mir auch eine gut knielange Version abgesteckt, also so, wie ich sonst auch einen Rock maximal tragen würde.
Aber da ich es nicht übers Herz brachte, den schönen Stoff abzuschneiden, blieb die Länge so, und nach dem ersten Tragen auch an einem warmen Tag  bin ich sehr glücklich über dieses schöne schwingende und luftige Gefühl bis an die Waden. Die Fahrradtauglichkeit ist noch nicht getestet, und ich fürchte, unliebsame Kontakte zwischen Stoff und Radbestandteilen sind nicht ganz ausgeschlossen. Na gut, dann eben eher ein Rock zum Flanieren zu Fuß!
Mein Fazit: Flint ist ein wunderschöner Schnitt für einen Hosenrock. Ich werde den Schnitt sicher noch mal nähen, aber dann vielleicht in einer Bearbeitung mit  Reißverschluss in der Seite. Mich hat die Verschlusslösung nicht überzeugt, auch wenn sie witzig und originell ist. Die "Bedienung" im täglichen Leben mit Aufknöpfen der Schleife und des innenliegenden Knopfes ist umständlich, und für die Paßform ist die Schleife, die sich dann doch irgendwann lockert, nicht ideal. Und so viel mehr Arbeit ist es ja doch nicht, einen Reißverschluß in die Seitennaht einzunähen.

Mein Stoff hat sich als ideal für den Schnitt herausgestellt, das freut mich ja besonders. Das ist doch immer eine besondere Schwierigkeit, finde ich, da ich es mir oft nicht so vorstellen kann, wie ein  Kleidungsstück mit einem gewählten Stoff aussehen wird. Aber hier paßt alles gut! Ich wünsche mir, daß Atelier Brunette dieses Qualitätsproblem mit dem dunkelblauen Stoff bald lösen kann, denn ich finde die Farbe bei diesem Design ausgesprochen schön. Es gibt den Moonstone-Stoff ja auch noch in Rosa- aber hat jemand schon mal auf dem Mond rosa Steine gesehen? das muß doch einfach dunkelblau sein!
verlinkt: RUMS