Mittwoch, 15. November 2017

Baukastenkleid aus der Oktober-Knip

Ich nähe nun seit einigen Jahren Kleidung überwiegend für mich, und natürlich hat sich auch bei mir ein gewisser Stoffvorrat angehäuft. Ich oute mich hier als überzeugte Verfechterin des hauseigenen Stofflagers. Es ist so schön, wenn man einen tollen Schnitt sieht und sofort weiß: dieser Schnitt ist ideal für den genialen Stoff, den ich damals aus xy mitgenommen habe.  Dann trift sich nämlich ein Traumpaar von Stoff und Schnitt, und das Nähen funktioniert und führt zu einem schönen Ergebnis. Der andere Weg, also einen tollen Schnitt zu haben, in den Stoffladen zu gehen und zu hoffen, dort einen passenden Stoff zu finden, klappt bei mir fast nie. Ich komme dann nach Hause mit diversen anderen Stoffen, die gerne im Stofflager deponiert werden, aber der tolle Schnitt kann nicht genäht werden. Und immer wieder ergeben sich bei mir Nähpläne, die dann auch sofort und gleich umgesetzt werden müssen, ohne Rücksicht auf Ladenöffnungszeiten oder Lieferfristen nehmen zu können.

Nachdem ich somit meinen hauseigenen Stoffstapel zur Genüge gerechtfertigt habe, zeige ich heute gerne ein Kleid,  das aus eben diesem Stoffstapel entstanden ist, und zwar aus einem Stoff der unteren Schichten des Stapels... wer sich noch nicht mit den verschiedenen Schichten des Stoffstapels auskennt, dem sei dringend diese Lektüre empfohlen (Heather B: Anatomy of a fabric stash), köstlicher kann man den geologischen Aufbau  eines Stofflagers nicht erklären!

Dieser Stoff also kam aus einer tieferen Schicht des Stofflagers. Warum war er dahin gerutscht? Sicher aus verschiedenen Gründen: die Farben sind schon sehr herbstlich, gefallen mir mittlerweile nicht mehr. Es war ein relativ kleines Stoffteil, ich hatte nur knapp 1,40 m . Der Stoff ist recht leicht und weich, er enthält sicher einen größeren Anteil von Polyester. Für einen Rock war mir der Stoff zu leicht, für eine Bluse gefiel er mir nicht, für ein Kleid war er zu wenig- so geriet dieser an sich hübsche Stoff immer weiter nach unten im Stoffstapel.

Er fiel mir wieder in die Hände, als ich für das Baukastenkleid aus der Oktober-Knip einen Stoff suchte, eigentlich nur zum Testen der Paßform. Die Knip hat ja oft Baukastenschnitte, ich finde das eigentlich sehr schön, wenn man verschiedene Schnittteile beliebig kombinieren kann. Wenn der Schnitt dann einmal angepaßt ist, hat man viele Variationsmöglichkeiten.
Bei diesem Schnitt handelt es sich um einen Kleiderschnitt, der als Besonderheit schräg verlaufende Abnäher an Oberteil und Rock hat. Es gibt verschiedene Ausschnitt, Rock und Ärmelvarationen, eben ein richtiger Baukasten.
Am besten gefiel mir auch den Bildern die Variante mit schmalem Rock und Dreiviertelärmeln:


Als Stoffverbrauch war hier 1,70 angegeben, aber da mir die Knipschnitte immer viel zu lang sind, hoffte ich noch etwas einsparen zu können und machte mich einfach mal ans Zuschneiden. Ich hatte die Schnittteile in meiner Größe (38) ausgemessen und fand sie ganz passend. Und wenn dieses Modell nicht passen sollte, hätte ich es auch nicht schlimm gefunden, dann hätte jedenfalls der wenig geliebte Stoff seine Verwendung gehabt.

Aber nach den ersten Anproben war klar, daß die Paßform gar nicht so schlecht werden würde, und so habe ich das Kleid dann komplett zu Ende genäht und ein Futter dazu konstruiert. Das Rückenteil habe ich um 2 cm gekürzt, den Rock um mindestens 7 cm, das weiß ich nicht so genau, es paßte jedenfalls so auf meinen Stoff. Belege und Ärmel sind nicht so ganz im Fadenlauf  zugeschnitten, aber dafür ist jetzt dieser Stoff bis zum letzten Fitzel aufgebraucht!

Auch das Futter kam aus dem Vorrat. Dieser pinkfarbene Futterstoff war mal in der engeren Wahl für meinen Wintermantel, aber da verließ mich dann irgendwann der Mut, den Mantel ganz pinkfarben zu füttern und ich reduzierte auf eine pinke Paspel. Dieses Kleid ist jetzt pink gefüttert- und ich freue mich jedesmal wenn ich es anziehe, gerade in der jetzigen trüben Jahreszeit. Auch der Reißverschluss ist übrigens pink, und den kleinen pinken Zipper unter meiner linken Achsel  sieht wahrscheinlich keiner ausser mir.

Das Kleid ist sehr figurbetont geworden, um nicht zu sagen etwas zu eng. 2 cm mehr im Bauchbereich würden eine bessere Bequemlichkeit ergeben, zumal mein Stoff auch nicht dehnbar ist. Laufen ist wiederum problemlos, durch den Schlitz im Rückteil. Fahrradfahren habe ich noch nicht probiert, ist wahrscheinlich aber auch nicht ideal. Ansonsten trage ich das Kleid ausgesprochen gern, vielleicht gerade wegen der herbstlich- unauffälligen Farben.

Ach ja, der Herbst- der hat uns ja bei unserer Foto-Session am letzten Wochenende doch etwas zugesetzt. Wie immer gab es nur ein kurzes Zeitfenster, um Blogfotos zu machen. Üblicherweise verbinden wir das Fotografieren der genähten Kleider für den Blog mit unseren Wochenendaktivitäten, die meistens Wanderungen oder Fahrradtouren sind. Bei Regenwetter macht beides nicht so wirklich Spaß, vor allem wenn der Regen mit eisigem Wind verbunden ist...
Wir fanden aber dann auf unserer Wanderung diesen Pavillon, der zumindest von oben  vor dem Regen schützte. Und die feuchten Stellen im Stoff sind zum Glück auf den Bildern kaum sichtbar!

Alle anderen Beiträge der mittwochs bloggenden Selbernäherinnen, ob bei Regen oder Sonne, finden sich hier in der Galerie des Memademittwochs!

Mittwoch, 1. November 2017

Tulpentop von Crafteln

Das Tulpentop von Crafteln ist wie alle Schnitte, die Meike bisher in Zusammmenarbeit mit Stokx herausgebracht hat, ein ganz besonderer Schnitt.

In diesem Fall liegt die Besonderheit in der Materialkombination: das Vorderteil mit dem Wasserfallkragen wird aus einem schön fließenden Webstoff ( Viscose, Seide) genäht, der Rest des Shirts aus Jersey. Diese Materialkombination war auch das, was mich in der Planung des Tops lange beschäftigt hat. Zweimal war ich im (zum Glück gutsortierten!) Stoffgeschäft vor Ort, habe Stoffballen mit Viscose zur Jerseyecke geschleppt und zurück, und auch schon mal eine andere Stoffkombination gekauft, die mir dann aber zuhause doch nicht mehr gefiel.

Was Ihr jetzt seht, ist eigentlich eine Zufallskombination: der gemusterte Stoff ist eine leichte Viscose, aus der ich eine langärmelige Bluse für den Herbst plante. Nach dem Waschen wurde der Stoff zunächst ins Regal einsortiert (man hat ja auch noch andere Projekte...), und da lag er dann im Regalbrett neben den Jerseystoffen. Dort lagerte ein Rest dieses bordeauxfarbenen Jersey vom Stoffbüro seit letztem Herbst, und nachdem ich die beiden dann einen Tag zusammen auf dem Nähtisch ausgebreitet hatte, war klar: diese beiden gehören zusammen!

Die Schnitte von Crafteln, die ich bisher kennengelernt habe, sind alle absolut professionell gemacht. Es ist einfach schön, wenn ein Schnitt alle notwendigen Bezeichnungen enthält und alle  Markierungen zusammenpassen. Die Anleitungen sind super beschrieben und ausführlich, die Grafiken verständlich. Ja, so wünsche ich mir ein Schnittmuster!

Daß mir beim ersten Zuschneiden dann doch ein gravierender  Fehler unterlaufen war, war wirklich meine eigene Schuld. Und ja, ich weiß, man soll nicht abends , wenn man schon müde ist, zuschneiden- aber ich wollte doch so gerne mit meinem Tulpentop anfangen! Und so ein Gedanke "ich schneide heute nur mal schnell noch die Viscose zu"- ja , das konnte nicht gut gehen.

Das Webstoffvorderteil wird im schrägen Vorderteil zugeschnitten. Steht eindeutig in der Anleitung, Fadenlaufpfeil auf dem Schnitt- und ich hatte das Teil beim ersten Versuch im geraden Fadenlauf zugeschnitten.
Zum Glück habe ich das dann erst am nächsten Tag gemerkt, als etwas mehr Nähzeit war. Ich hatte  kurz überlegt, ob ich es so lassen sollte und mich dagegen entschieden. Das Vorderteil braucht den schrägen Fadenlauf für die Bequemlichkeit und den schönen Fall des Wasserfallkragens, da wollte ich nicht drauf verzichten.
Und ich hatte ja noch genug Stoff, der war ja eigentlich für eine Bluse gedacht. Also konnte ich das Vorderteil problemlos noch mal zuschneiden. Lektion gelernt: abends nicht mehr zuschneiden!

Der Rest des Nähens war völlig unproblematisch, und das ganze Teil war auch unglaublich schnell genäht. Die Schulterpartie ist lustig konstruiert, so  daß ein Teil des Vorderteils an der Schulter nah hinten geführt wird und das Rückenteil überkreuzt. Das Rückenteil hat oben ein Bündchen für den guten Sitz, für dieses Bündchen gibt es ein liebevoll konstruiertes Schnittmusterteil mit schräg auslaufenden Ecken. Kleine Details, über die ich mich aber sehr gefreut habe!

Warum heißt das ganze eigentlich Tulpentop? Weil es auch noch eine Version mit kurzen Ärmeln gibt, die sind dann aus dem Webstoff und in Form einer Tulpenblüte kunstvoll gefaltet. Leider muß ich jetzt bis zum nächsten Frühjahr warten, um auch diese Version auszuprobieren.
Apropos Jahreszeit: das ist vermutlich der einzige Fehler, den dieser Schnitt hat: er ist doch eher luftig durch das dünne Viscosevorderteil. Ich trage daher jetzt ein farblich passendes Top darunter, damit es nicht ganz so zugig ist. Das Top sieht man auf den meisten Fotos etwas hervorblitzen.
Aber Windschutz war schon notwendig bei unserer Foto-Session:
Genäht habe ich das Top in der Größe 2, Crafteln hat ein eigenes Maß- und Größensystem. Geändert habe ich bei diesem Exemplar nichts. Allerdings sitzt der Brustabnäher für mich etwas zu hoch, das werde ich bei der nächsten Version ändern. Durch den weiten Schnitt des Tops fällt der nicht ganz optimale Sitz des Brustabnähers wenig auf.
Das Shirt ist durch den Jerseyanteil unglaublich bequem und zum Fahrradfahren bestens geeignet- damit schlage ich jezt mal elegant den Bogen zum heutigen Motto des Memademittwoch, bei dem es um die Frage geht, wie die genähten Sachen in unseren Alltag passen.

Da ist dieses Top natürlich der Held: schick, trotzdem bequem, in meiner Herbst-Winterlieblingsfarbe dunkelrot, paßt alles perfekt. Und da es dazu auch noch so schnell und einfach zu nähen ist, sind schon die nächsten Tulpentops in Planung!
Alle anderen genähten Kleidungsstücke, ob alltagstauglich oder nicht, sieht man heute auf der Galerie des Memademittwoch!

Mittwoch, 25. Oktober 2017

Knip-Jerseykleid

Heute zeige ich wieder mal ein Jerseykleid aus der Knip. Es ist ein Schnitt, der in der Ausgabe...stop, in welcher Knip-Ausgabe denn eigentlich? Oder ist es doch die Fashion Style? Ich bemühe mich ja immer, die Quellen meiner Schnitte ordentlich anzugeben, damit sie auch gefunden werden. Aber in diesem Fall ist das schwierig.
Also, zurück zum Anfang. Vor ca. 10 Tagen, im Nähgeschäft vor Ort, das ich natürlich nur betreten hatte, um einen notwendigen Reißverschluß und Knöpfe zu besorgen. Nicht links, nicht rechts geschaut, Stoffballen mit neuen Stoffen ignoriert, benötigte Waren aus den Regalen gezogen, schnurstracks zu Kasse. Ja, ich war eine Heldin!
Bei der Kasse lag dann dieses Heft:

unzweifelhaft eine Knip, aber auf deutsch. Der stolze Preis ist auch deutlich erkennbar. Aber da ich den Besuch im Nähgeschäft bisher so tapfer durchgehalten hatte, mußte ich mich dringend belohnen, Ihr versteht? Also wanderte das Heft in meinen Einkaufskorb, zumal mich das Jerseykleid auf dem Titelbild interessierte.
Letzten Memade Mittwoch zeigte dann Katharina dieses Kleid, und erzählte, das sei aus einer Beilage ihrer holländischen Oktober-Knip, das fand ich ja dann doch interessant. Die Original-Knip vertreibt dieses Heft offensichtlich als kostenlose Beilage, und wir kaufen die deutsche Übersetzung für teuer Geld- interessante Geschäftspolitik! Zumal die deutsche Übersetzung grottenschlecht und voller Druckfehler ist.
 Der Schnitt selbst ist aber wirklich schön. Tailliert, der Rock leicht ausgestellt. Das Oberteil hat eine Kräuselung zwischen den Brüsten, das untere Vorderteil läuft entsprechend V-förmig aus.
Die Schultern sind etwas überschnitten, und etwas nach hinten gelegt, das Vorderteil an der Schulternaht leicht eingekraust.
Ich habe einen Jersey von stoffabrics, einer dänischen Stofffirma vernäht, den ich mal auf dem holländischen Stoffmarkt erstanden hatte. Es ist ein relativ kräftiger Baumwolljersey, der mir aber jetzt für diesen schlichten Schnitt gut geeignet schien.
Genäht habe ich das Kleid in Gr. 36, zur Taille hin zu Gr. 38 auslaufend, die Länge um 15cm(!) gekürzt.
Genäht war das Kleidchen natürlich schnell, wie alle Jerseykleider. Nur zwei Dinge haben mich aufgehalten: das eine war die furchtbare Anleitung, die ich leider doch wieder durchgelesen hatte und versucht hatte zu verstehen- zwecklos, wie ich mittlerweile glaube. Eine schlechte , lieblose Übersetzung aus dem Holländischen, dazu voller Druckfehler- also lieber gar nicht durchlesen!
Das andere Problem, das mich eine Weile beschäftigt hatte, war die Kräuselung im Vorderteil.
Nach der Anleitung sollte ich hier ein Gummiband gedehnt auf die linke Seite aufnähen, um die Raffung zu erreichen. Diese Technik wird oft empfohlen, wenn es um Raffungen in Jerseyschnitten geht. Ich habe es immer wieder probiert, aber entweder bin ich einfach zu blöd dazu, oder es liegt daran, daß mir die dafür notwendige dritte Hand immer noch nicht gewachsen ist...ich schaffe es einfach nicht, ein gedehntes Gummiband gleichmäßig und gerade auf einen Stoff aufzunähen.
Aber sollte es nicht auch eine andere Lösung für dieses Problem geben? Auch in der Konfektionsmode gibt es ja so geraffte Geschichten, und die Profi-Näherinnen nähen hier sicher keine mit der Hand gedehnten Gummibänder auf.

Da fiel mir ein, daß vor einigen Wochen eine meiner Instagram-Bekanntschaften  (leider weiß ich nicht mehr, wer es war) über den Gummiband-Nähfuß ihrer Overlock berichtet hat. Ich hatte damals gleich nachgeschaut und wußte seither, daß sich auch so ein Nähfuß unter meinem Zubehör befindet. Vielleicht konnte ich den jetzt nutzbringend einsetzen? Ich kramte also mein Overlock- Zubehörtäschchen heraus, und tatsächlich, da war der gesuchte Nähfuß. Das Einsetzen war kein Problem, ausprobiert- und siehe da, perfekte Raffungen und Versäuberungen in einem Arbeitsschritt!
Ich mußte lediglich noch ausprobieren, wie stark ich kräuseln wollte, das geht durch stufenloses Verstellen einer Schraube am Füßchen.

Nachdem ich dann die Kräuselnaht so schön hinbekommen hatte, wollte ich auch sonst eine saubere Versäuberung auch der Innenansicht und habe deswegen den Ausschnitt mit einem Beleg versehen. Ich habe den Beleg mit einer ganz dünnen Gewebeeinlage verstärkt und etwas gedehnt aufgenäht. Das finde ich jetzt ganz gut und der Ausschnitt steht (fast)  nicht ab.

Und wer sich spätestens jetzt denkt- diesen Schnitt kenne ich doch irgendwoher! - ja, der hat sicher recht. Der Schnitt hat große Ähnlichkeit mit Ajaccio von der Schnittquelle- auch hier findet sich die identische Raffung im Oberteil und auch eine ähnliche Silhouette. Aber Schnitte sind offensichtlich nicht patentgeschützt, und so existieren natürlich viele sehr, sehr ähnliche Schnittmuster auf dem Markt. In diesem Fall finde ich übrigens die Knipversion schöner als das Schnittquellekleid, das ich vor Jahren mal genäht hat. Die Schulter-und Ärmellösung gefällt mir besser und sitzt zumindest an mir besser. Bei der Schnittquelle paßten mir immer die Ärmel nicht. Das Schnittquelle-Kleid hat dafür eine etwas unorthodoxe, aber effektive Lösung für die Kräuselung im Vorderteil: die Naht wird mit der Nähmaschine gesteppt, die Nahtzugaben auseinandergebügelt und jeweils festgenäht. In die entstehenden Tunnels wird ein Satinband eingezogen und gerafft- auch das funktioniert!
Aber egal, ob ich jetzt den Schnitt Ajaccio oder Knip nenne, er ist jedenfalls absolut lohnend und ruft nach einer Wiederholung.

Die Bilder entstanden auf einer Fahrradtour, bei der nochmal spätsommerliche Temperaturen auch die Bienen hervorlockten. Ein letztes Mal Sonne tanken vor dem langen Winter!
Ich verlinke mein graues Jerseykleid mit dem Memademittwoch, der wöchentlichen Parade der geübten Schneiderinnen, sowie mit den 12colours of handmade fashion, bei der im Oktober die Farbe grau als Thema gegeben wurde!

Mittwoch, 18. Oktober 2017

Knitterbluse von Crafteln

Manche Schnitte, die ich mir kaufe, werden bei sofort genäht, andere schlummern erst mal ein Weilchen ihren Schönheitsschlaf auf der Festplatte, im Zeitschriftenregal oder im Ordner der "noch zu nähenden Schnitte". Warum das so ist, kann ich meistens gar nicht sagen, wenn ich dann den Schnitt wieder entdecke.
Im Fall der Knitterbluse von Crafteln wußte ich allerdings schon, warum ich den Schnitt nach der ersten Begeisterung zwar gekauft, aber nicht umgesetzt hatte: ich wußte einfach nicht, welchen Stoff ich dafür nehmen sollte.

Das Original dieses Schnittes, ein Designermodell aus dem Hause Stokx, ist aus einem hauchzarten Stoff genäht, der in feine Knitter gelegt wird. Auch in der Schnittmusterbeschreibung von Crafteln, die diesen Schnitt der nähenden Bevölkerung zugänglich gemacht hat, wird ein dünner Stoff empfohlen. Das Kleidungsstück wird nach dem Waschen feucht zu einer Spirale gedreht, dadurch entstehen dann die Knitterfalten.

So schön wie ich alle genähten Modelle dieses Schnittes fand, weckte diese Art des Knitterns doch unliebsame Erinnerungen in mir. Als Teenager, also in den 70er Jahren, besaß ich so ein ähnliches Kleidungsstücke, eine Bluse, die naß zu einer Rolle gedreht werden mußte, damit sie die gewünschten Falten bekam. Offensichtlich war das irgendwie modern zu dieser Zeit, oder jedenfalls in meinem Freundeskreis. Ich erinnere mich noch genau, daß dieses Einrollen bei mir nicht gut klappte, die Bluse verlor zunehmend mehr ihre Form, was ich dann durch Bügeln versuchte zu kompensieren und damit die ersehnten Knitterfalten wieder zerstörte. Allen meinen Freundinnen gelang das spielend, so meine Erinnerung, nur mir nicht- also das übliche Teenagerdrama, das sicher jede irgendwo kennt.

Aber deshalb stand ich dem Gedanken des Knitterns etwas skeptisch gegenüber. Nun kann man die Knitterbluse (oder auch das Knitterkleid, denn der Schnitt enthält ja beide Versionen) auch ungeknittert nähen, sehr schöne Versionen hat Claudia (bunte Kleider) genäht. Das gefiel mir auch sehr gut, aber eigentlich wollte ich doch eine geknitterte Version...

Dieses Dilemma habe ich letzte Woche gelöst, indem ich diesen Stoff in meinem Stoffstapel entdeckt  hatte: ein Stoff , der bereits in sich geknittert ist! Ich weiß gar nicht, wie die genaue Bezeichnung für diese Art Stoffe ist, ich glaube, es nennt sich Crash. Jedenfalls hat der Stoff zwei Schichten, die obere Schicht hat eine Knitterstruktur, die linke Seite ist eher glatt. Der Stoff enthält einen großen Anteile Polyester und ist sehr dehnbar, aber ein Webstoff. Hieraus sollte meine Knitterbluse entstehen, das konnte ich mir gut vorstellen!
In meiner ersten Begeisterung übersah ich geflissentlich alles , was die Designerin bei der Stoffbeschreibung vorgegeben hatte. Empfohlen wurde ein dünner, leichter und gut fallender Stoff- mein Stoff war alles andere, und im schrägen Fadenlauf konnte ich ihn auch nicht zuschneiden, da ich zuwenig Stoff hatte.  Es war ein Reststück von ca 1,70 m, leider nur bei einer Breite von 1,10m.

Mit etwas Puzzeln und Hin- und herschieben hat die Stoffmenge aber gereicht für die Bluse.
Genäht habe ich Größe 2. Wenn ich die Anleitung vorher gelesen hätte, hätte ich gemerkt, daß der Schnitt großzügig ausfällt, damit das Stück noch geknittert werden kann. Und auf so dehnbare Stoffe ist der Schnitt natürlich auch nicht ausgelegt. Aber wie heißt es so schön, wer lesen kann, ist klar im Vorteil...

Immerhin war ich dann doch intelligent genug, die Stoffteile erst mal zusammenzuheften, bevor ich sie endgültig genäht habe. Und hier merkte ich dann schon, daß ich einiges an Weite herausnehmen mußte. Ich habe an den Raglannähten überall 5mm weggenommen, an den Seitennähten 2 cm, jetzt finde ich die Paßform sehr schön.

Der Schnitt ist wirklich genial, und anders als viele anderen Schnitte, die ich kenne. Die Bluse bzw das Kleid haben Raglanärmel mit einem Schulterabnäher. Im Vorderteil sorgt ein Brustabnäher für die gute Paßform. Eigentlich werden alle Teile im schrägen Fadenlauf zugeschnitten, das habe ich mir wie gesagt geschenkt, da mein Stoff in der Querrichtung sehr dehnbar war.

Die Blusenversion ist nicht nur kürzer als das Kleid, sie hat auch ein Schößchen im Rückenteil- ich liebe Schößchen!

Knitterkleid und Bluse haben als typisches Designmerkmal einen interessanten Kragen: in den V-Ausschnitt wird ein im schrägen Fadenlauf zugeschnittener breiter Schlauch eingenäht. Das Einnähen des Kragens erfolgt mit einer so interessanten Technik, daß keine sichtbaren Nähte bleiben. Auf diesen Kragen wollte ich eigentlich verzichten, da ich mir schon dachte, daß mein doch recht steifer Stoff hierfür nicht geeignet ist.

Ich hatte deshalb schon einen Beleg für den Halsausschnitt konstruiert und zugeschnitten. Nach der ersten Anprobe kam mir aber der Halsausschnitt doch etwas weit vor, zumindest zu weit für die kommenden herbstlichen Tage. Und ich wollte meine schöne Bluse doch auf jeden Fall jetzt im Herbst viel anziehen!
Aus dem Stoffrest konnte ich tatsächlich noch den vorgesehenen Kragen zuschneiden, natürlich auch nur im geraden Fadenlauf. Ich hatte den Kragen dann zunächst nur mal angeheftet- und siehe da , er gefiel mir wider Erwarten gut! Durch das Material ergibt es sich, daß der Kragen einmal umgeschlagen wird und natürlich nicht den lockeren Fall des originalen geknitterten Kragens hat. Also, anders, aber auch schön!

Ich finde es ja immer wieder spannend, wie unterschiedlich ein Schnitt durch verschiedene Stoffe wirkt. Und auch wenn ich mich durch meine Stoffwahl vom Originalmodell weit entfernt habe, ist so ein für mich sehr interessantes Kleidungsstück entstanden. Der Tragekomfort eines T-Shirtes, kombiniert mit der Eleganz einer Bluse- mehr kann frau nicht wollen!
Natürlich kam mit auch schon der Gedanke, diesen Schnitt in Jersey oder Sweat zu probieren. Die Dehnbarkeit dieser Stoffe ist dann auch nicht viel anders. Oder ein dünner Jaquard? Oh, da fallen mir noch ganz viele Variationen ein für diesen schönen Schnitt!
Mittwochs treffen sich alle nähenden Anhängerinnen der guten Schnitte auf dem Memademittwoch, hier reihe ich mich gerne in die Galerie ein!